Mit Ausmisten allein ist es nicht getan – Minimalismus, Psyche & Bedürfnisse

Ausmisten Minimalismus Psyche

Du bist wahrscheinlich hier auf unserem Blog gelandet, weil du dich für Minimalismus interessierst. Vielleicht hast du das Gefühl, von deinem Hab und Gut erdrückt zu werden. Du sehnst dich nach mehr Ordnung und Struktur und möchtest deshalb ausmisten. Diese Gefühle und Wünsche haben viele Menschen, die sich mit Minimalismus beschäftigen. Begleitet von der Hoffnung, dass eine minimalistische Wohnung automatisch zu mehr Ordnung führt, suchst du Informationen, wie es gehen kann. Doch eigentlich steckt hinter diesen Wünschen oft mehr. Dazu jetzt mehr in diesem Artikel


Inhaltsverzeichnis


Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Im meinem Studium (Soziale Arbeit) hat mich die Maslow’sche Bedürfnispyramide immer wieder begleitet, anhand derer ich den Zusammenhang zwischen Minimalismus, Ausmisten und Psyche gut verdeutlichen kann. Du wirst diesen Artikel dadurch besser verstehen können. Daher hier zunächst die Grundlage:

Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Menschen haben zu bestimmten Zeiten bestimmte Bedürfnisse, die sie antreiben. Die unteren Bedürfnisse sind dabei am Dringlichsten, die obersten weniger dringlich.

Die Defizitbedürfnisse

  • Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Sex,
  • Sicherheit wie Arbeit, Wohnung, Einkommen und
  • soziale Bedürfnisse wie Liebe, Partnerschaft und Freundschaft

müssen befriedigt werden, um Zufriedenheit empfinden zu können. Bleiben diese unerfüllt, fehlt etwas Wichtiges im Leben und Unzufriedenheiten stellen sich ein.

Zu den Wachstumsbedürfnissen zählen

  • individuelle Bedürfnisse wie soziale Anerkennung, Karriere, Macht, Status etc. und
  • Selbstverwirklichung, bestehend aus Erkennen und Entfalten der eigenen Potentiale.

Nach Maslow wachsen wir anhand des Auslebens dieser Wachstumsbedürfnisse. Menschen kümmern sich immer erst um die dringlichsten Bedürfnisse. Wenn das dringlichste Bedürfnis gestillt ist, verliert es seine motivierende Wirkung und der Mensch widmet sich dem nächsten Bedürfnis.

Erst wenn die Defizitbedürfnisse befriedigt sind, können die Wachstumsbedürfnisse gestillt, die Selbstverwirklichung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit begonnen werden.

Die Vorstellung von Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentwicklung und die Wege dahin sind sehr individuell. Doch gehört das Ausmisten, das Reduzieren des eigenen Besitzes, die Auseinandersetzung mit seinem Hab und Gut und einhergehend mit sich selbst, genau dazu – oder zur Befriedigung der Defizitbedürfnisse, je nachdem. Minimalismus kann sich auf sämtliche Bedürfnissebenen auswirken und diese beeinflussen.

Manche Menschen spüren, dass sie etwas bewegt und beschäftigt, ihnen etwas fehlt, Unzufriedenheit vorherrscht und sie sich nicht wohlfühlen, können es aber oft noch nicht in Worte oder gänzlich fassen. Sie spüren, – unbewusst oder bewusst – dass etwas nicht stimmt. Das ist meist der Moment, in dem der Wunsch nach Ausmisten aufkommt.

Ausmisten fühlt sich befreiend an

Ausmisten ist befreiend. Sehr befreiend. Mit jedem Teil, das das Haus verlässt, wird Ballast abgeworfen. Das haben wir selbst schon am eigenen Leibe erfahren, bekommen das in unseren gemeinsamen Challenges (31-Tage-Minimalismus-Challenge und Konsumfasten/No-Buy-Challenge) mit und erfahren es auch hautnah in unseren Coachings.

Oft werden wir mit dem Satz

„Eigentlich will ich nur mehr Ordnung!“

kontaktiert oder lesen diese Wünsche in unseren begleiteten, gemeinsamen Challenges. Doch im Endeffekt stellt sich immer wieder heraus, dass das gar nicht der eigentliche Wunsch ist, das eigentliche Bedürfnis. Es steckt meistens so viel mehr dahinter. Es geht nicht nur um „mehr Ordnung“.

Hinter dem Wunsch nach Ausmisten steht so viel mehr

Es geht um mehr Freiheit, um Gefühle, ums Loslassen, um tiefe innere Veränderungen, um Unzufriedenheiten, um Zeit, um ungestillte Bedürfnisse, um Ballast. Diese Aufzählung ist nicht abschließend. Das ist den meisten aber gerade zu Beginn noch gar nicht bewusst. Nicht selten haben Menschen Angst, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Verständlich, denn das ist nicht immer angenehm, manchmal schmerzhaft und oft anstrengend. Als „Erste Hilfe“ wird das Ausmisten und Abwerfen von Ballast gewählt, denn das soll ja bekanntlich befreiend wirken. Doch ist genau diese Konfrontation mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen extrem wichtig.



Ich bin in unseren Coachings immer sehr froh, dass ich eine erfahrene Sozialarbeiterin bin, denn als Coach, egal ob Nachhaltigkeitscoach, Minimalismuscoach oder Ordnungscoach, bin ich oft auch Lebensberaterin. Ich mag diesen Begriff nicht, weil sich dahinter oft irgendwelche Gurus verbergen, die komische Sachen durchführen und anpreisen. Doch gibt dieser Begriff in diesem Kontext gerade das wieder, was ich meine: Ich berate auch in Lebensfragen und diese ergeben sich meist mit dem großen Ausmisten.

Oft geht um Sinnfragen, große Lebensveränderungen, manchmal um Lebenskrisen und sehr oft um nicht befriedigte Bedürfnisse auf unterschiedlichen Ebenen. Und bevor einem das selbst klar wird, steht oft der Wunsch nach Ausmisten und mehr Ordnung.

Wer im Äußeren Ballast abwirft und seine Räume entrümpelt, räumt auch sein Inneres auf.

Die Wohnung ist der Spiegel der Seele

Die Zimmer einer Wohnung oder eines Hauses spiegeln die Seele wieder. Oft ist es im Inneren ebenso ungeordnet, unruhig und chaotisch, wie in den Räumen: Die Schubladen quellen über, Gegenstände haben keinen festen Platz. Auf das Innere bezogen kann diese bedeuten: Zu viele Termine, zu viel Stress, zu wenig Struktur im Alltag, zu wenig Geld, kleinere und größere Sorgen und Probleme. Sowohl im Inneren als auch im Äußeren fehlt es an Ruhe, Struktur und Gemütlichkeit.

Psyche und Räume hängen unmittelbar zusammen

Menschen, die in einem strukturierten und sortierten Zuhause leben, sind oft innerlich sortiert, während es Menschen, die in Unordnung leben, oft an Ruhe, Klarheit und Struktur fehlt.

Die äußerliche Umgebung wirkt sich immer aus das Innere aus. Du kennst das vielleicht selbst: Kommst du in einen Raum, in dem es chaotisch oder unruhig ist, wirst du vielleicht auch unruhig. Bist du dagegen in einem Raum, der Harmonie und Ruhe ausstrahlt, fühlst du dich auch ruhiger und besser. Psyche und Raum hängen unmittelbar zusammen. Und weil diese beiden Aspekte so eng miteinander verbunden sind, fangen Menschen, die innerlich gestresst oder unzufrieden sind, oft an, im Äußeren auszumisten – immer in der (unbewussten) Hoffnung, dass dann alles besser wird.

Verschiedene Räume, verschiedene Gefühle

Jeder Raum kann mit unterschiedlichen Gefühlen besetzt sein. Oft ist die Küche der Dreh- und Angelpunkt im Leben vieler Menschen: Hier wird gekocht, gemeinsam gegessen und Entscheidung getroffen. Das Wohnzimmer hingegen steht oft für Gemütlichkeit, Ruhe und Entspannung. Wie immer sind die Bedeutungen und Wichtigkeit individuell. Es kann deshalb auch Räume geben, in denen es leichter fällt auszumisten und Räume, in denen es schwer fällt. Deshalb ist es auch immer ganz individuell, wo man startet und in welchem Ausmaß, eben weil die Gefühle unterschiedlich sind.

Was sich aber häufig in unseren Coachings oder Challenges zeigt: Keller oder Dachböden, in denen es viel Staufläche gibt, sind oft vollgestellt. Hier werden meist Gegenstände gelagert, die sehr emotional besetzt sind und von denen man sich nicht trennen kann/möchte. Keller oder Dachböden werden meist als letztes angegangen. Man schiebt sie möglichst lange vor sich her.

Oft sind die Gegenstände, die dort lagern sehr belastend. Die Hürde, sich mit eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, ist oft hoch.

Starten, wo es leichtfällt

Wie schon geschrieben, ist es ganz individuell, in welchem Raum man mit dem Ausmisten startet. Doch dürfte jetzt klar sein, dass Emotionen und Bedürfnisse beim Ausmisten eine große Rolle spielen können – nicht müssen. In der Praxis und aus der Erfahrung heraus haben sich Räume als gut für den Start erwiesen, die emotional nicht stark besetzt sind bzw. in denen das Aussortieren leichter fällt. Alles andere kann schnell zu Überforderungen und damit zur Prokrastination führen. Gerade für Menschen, die eigentlich ein großes Bedürfnis nach Ordnung haben, löst Chaos schnell Stress aus.

Je nach Reizempfindlichkeit sind die Auswirkungen von Chaos unterschiedlich. Dabei stehen die Punkte Unordnung, Stress und Prokrastination in Wechselwirkung zueinander: Unordnung führt zu Stress, Stress zu Prokrastination und die Prokrastination zu mehr Unordnung.

Deshalb:

Wichtig ist, dass du anfängst, gerne auch im Kleinen.

Mit jedem aussortierten Gegenstand kommt mehr Klarheit ins Leben

Man fängt an, Gegenstände auszusortieren, zu denen kein emotionaler Bezug besteht oder die einen sogar belasten. Mit jedem aussortierten Gegenstand kommt es zu mehr Klarheit. Diese überträgt sich im Verlauf auf verschiedene Lebensbereiche. Durch die Auseinandersetzung mit Gegenständen reflektiert man automatisch sich selbst und setzt sich intensiv mit sich selbst auseinander. Es wird einem mit der Zeit bewusst, was man will und was nicht, was einem wichtig ist, welche Prioritäten bestehen und wo man reduzieren kann.

Minimalismus ist ein Werkzeug, sich selbst und eigene Bedürfnisse kennenzulernen und gibt dir Zeit und Energie, dich intensiv mit dir selbst auseinanderzusetzen.

Ausmisten führt zu vielen Erkenntnissen

Dabei ist zunächst das Aussortieren im Äußeren sehr wichtig und hat eine große Bedeutung. Wie schon geschrieben gibt es Räume und Gegenstände, bei denen es besonders leicht oder eben schwer fällt, loszulassen. Zwar nimmt man jeden Gegenstand in die Hand und überlegt, ob er aussortiert werden kann, aber nicht jeden Gegenstand muss man reflektieren. Oft liegen Dinge einfach herum, weil man sie vergessen hat. Aber bei einzelnen Gegenständen bemerkt man, dass sich doch noch weitere Themen dahinter verbergen und auftun. Und da beginnt dann die Reflexion. Dadurch setzt man sich automatisch, ob bewusst oder unbewusst, mit innerlichen Themen auseinander. Man fängt an, diese Gefühle und Gegebenheiten zu hinterfragen. Beispiele:

  • Warum fiel es mir schwer, diesen oder jenen Gegenstand loszulassen?
  • Warum hänge ich daran, obwohl ich es nicht nutze?
  • Warum kann ich das Teil einfach nicht aussortieren?
  • Welche Gefühle verbinde ich mit diesem Raum/Gegenstand?
  • Warum fällt es mir besonders schwer, meine Kleidung loszulassen?
  • Warum habe ich 10 paar Turnschuhe, obwohl ich gar keinen Sport betreibe?
  • Warum habe ich dies oder jenes überhaupt angeschafft?

Oft wird einem in diesem Prozess erst bewusst, dass es um viel mehr geht, als nur ums bloße Ausmisten und mehr Ordnung.

Es kommt dadurch zu vielen neuen, mal kleineren und mal größeren, Erkenntnissen. Man fängt oft an, weitere Themen anzugehen. Das können sein:

  • Termine reduzieren
  • Prioritäten im Leben setzen
  • Arbeitszeiten verändern
  • Kontaktabbrüche oder -aufnahmen
  • Umgang mit sozialen Medien
  • Beziehung und Partnerschaft
  • Familienleben
  • uvm.

Minimalismus, Ausmisten und das Selbstwertgefühl

Durch die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Innenleben, lernt man sich besser kennen. Durch die Anpassung des Äußeren an das Innenleben kommt es zu einer Kongruenz und Wechselwirkung zwischen Innenleben und Äußerem. Diese Anpassung, zusammen mit dem „Sich-selbst-kennenlernen“, kann das Selbstwertgefühl steigern. Oft weiß man nach der intensiven Reflexion besser, was man will und was nicht, was einem wichtig ist, welche Prioritäten man verfolgen will und was man gar nicht mehr will. Man macht sich unabhängig von Konsum und Status, man ist mit dem zufrieden, was man hat. Man misst sich nicht mehr mit anderen und steht zu sich selbst. Man weiß, was man (sich selbst) wert ist.

Auch wenn das in der Kurzform leicht klingt: Diese Auseinandersetzung mit sich selbst kann viele Monate oder Jahre dauern. Das geht nicht von Heute auf Morgen.

Das eigene Konsumverhalten überdenken

Damit sich langfristig etwas ändern kann, müssen sich Haltung und Konsumverhalten verändern, ansonsten ist man nach wenigen Monaten wieder am gleichen Punkt wie vor dem Ausmisten. Es stellt sich schnell wieder Unordnung ein, weil man weiterhin Kram anschafft und die Wohnung mit Ballast vollstellt.

Viele Ordnungs- oder Aufräumcoaches beschäftigen sich nur mit dem Ordnungschaffen. Die dahinterliegende Psyche und eine langfristige Verhaltensänderung werden oft nicht beachtet.

Gehe daher immer wieder in dich und überlege auch, welches deiner Bedürfnisse nicht gestillt ist. Führe dir dabei immer wieder die Maslow’sche Bedürfnispyramide vor Augen. Wo liegt das unerfüllte Bedürfnis? Als Beispiel: Wenn du viel shoppst, was kompensierst du damit? Welches Gefühl/welches Bedürfnis willst du damit befriedigen?

Es ist wichtig, den eigenen Konsum zu hinterfragen, zu überdenken und bewusster zu konsumieren. Oft geht das automatisch mit dem Ausmisten einher, aber nicht immer. Daher ist es wichtig, auf diesen Punkt hinzuweisen. Es wäre ja paradox, auf der einen Seite auszumisten und Ballast abzuwerfen, dafür viel Zeit und Gedanken zu investieren und auf der anderen Seite weiterhin zu konsumieren.

Wer will ich sein?

Im Verlauf und auf dem Weg zu mehr Minimalismus ist es essenziell, sich auch mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen:

  • Welcher Mensch will ich sein?
  • Was ist mir persönlich wichtig?
  • Wie definiere ich Erfolg?
  • Was wünsche ich mir für mein Leben?

Doch das kommt nach und nach und ist ein Prozess. Du wirst sehen, die Reise ist spannend, öffnet immer wieder neue Türen und verändert dein Leben. Mit Ausmisten alleine ist es deshalb nicht getan.

Ein minmalistischer Lebensstil hat viele Vorteile. Man findet zu sich selbst und wird zufriedener. Schau dich einmal auf unserem Blog um. Insbesondere in den Kategorien Minimalismus und Familie und Finanzen findest du Artikel zum Thema Minimalismus im Familienleben. Wenn dich Nachhaltigkeit interessiert, dann schau hier.

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Liebe Grüße,
Janina

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Minimalismus Psyche ausmisten Bedürfnis

Ein Gedanke zu „Mit Ausmisten allein ist es nicht getan – Minimalismus, Psyche & Bedürfnisse“

  1. Hallo Janina,

    was für ein schöner und informativer Artikel. Jetzt freue ich mich noch mehr das Ordnungscoaching!

    Bis in zwei Wochen,
    Martina

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