Liebe Regierung, komm’ in die Puschen und tu’ was für die Familien mit zwei Verdienern!

Steuersystem Familie ungerecht

Es gibt ein Thema, dass mich innerhalb der Familie immer wieder beschäftigt, besonders momentan wieder. Manchmal macht es mich regelrecht wütend, dann traurig und dann möchte ich in die Welt schreien, wie unfair das alles doch ist! Mein Mann darf sich dann mein Gemeckere und Gemotze anhören und mich anschließend in den Arm nehmen und trösten. Worum es geht? Ums liebe Geld, meine Rente, aber auch um die Ungerechtigkeit gegenüber Müttern und Vätern in der Berufsausübung. Da es mich just gestern noch wieder zur Weißglut gebracht hat, nehme ich das als Anlass, dich in meine Gedanken einzuweihen. Und wer weiß, vielleicht geht es dir selber auch so oder ähnlich?


Inhaltsverzeichnis


Bevor du diesen Beitrag liest:

Aktualisierung: Mittlerweile hat sich einiges verändert. Ich arbeite mittlerweile Vollzeit, habe meinen Master erfolgreich beendet und verdiene gutes Geld. Beruflich bin ich nun auch endlich sehr, sehr zufrieden. Freddy ist aus dem gehassten Schichtdienst in der ungeliebten Produktion raus und hat endlich seinen gewünschten Bürojob bekommen. Jetzt hat es sich gelohnt, die Steuerklassen zu ändern, so dass wir beide in 4/4 sind. Wir sind alle, auch die Kinder, gegen 16 Uhr/16.30 Uhr zu Hause und führen eine gleichberechtigte Partnerschaft, in dem wir uns beide um die Kinder kümmern. Es war ein langer Weg dahin, doch endlich bin ich gut ausgebildet, aus der Teilzeitfalle raus, könnte im Fall der Fälle auf eigenen Beinen stehen und kann für meine Rente vorsorgen. Das alles ist aber auch nur möglich, weil unsere Kinder in eine Ganztagsschule (Montessori) gehen und wir unsere Kinder dort gut betreut wissen. Wir sind uns sehr deutlich bewusst, dass dies ein Privileg und nicht selbstverständlich ist.

Hier gibt es noch ein paar aktuelle Beiträge zum Thema Partnerschaft.

Ein kurzer Einblick in unser Leben

Mein Mann und ich stammen aus Arbeiterfamilien. Nach dem Realschulabschluss haben wir beide eine Ausbildung gemacht. Mein Mann arbeitet heute noch in seinem erlernten Beruf, ich nicht mehr. Ich bin gelernte Arzthelferin. Ein Beruf, in dem die Bezahlung mehr schlecht als recht ist. Da ich mit meinem Beruf sehr unzufrieden war und ich auch die Rente im Hinterkopf hatte, studierte ich meinen lang ersehnten Traum: Soziale Arbeit (und das sogar ohne Abitur). Seit gut zwei Jahren bin ich (Herzblut-)Sozialarbeiterin und sehr glücklich mit dem, was ich tue. Und weil mir studieren so viel Freude bereitet, mache ich nebenberuflich noch meinen Master. Die Bezahlung in meinem Job ist auch in Ordnung, wenn auch nicht angemessen für das was ich mache. Und sowieso allemal besser, als meine damalige Bezahlung als Arzthelferin.
Mein Mann arbeitet in der Produktion und ist dort unglücklich. Er bekommt zwar gutes Geld für das was er macht, ist seit über 25 Jahren in dem Betrieb und hat daher einen sicheren Job. Kognitiv ist er aber unterfordert und die Arbeit ist auf Grund gesundheitlicher Einschränkungen  monoton. Alles in allem ist er sehr unzufrieden, weshalb er nach laaaaaangem Überlegen und viel Mut sammeln, seit einem Jahr neben dem Beruf studiert. Wenn alles gut läuft, ist er in 3,5 Jahren fertig und wird einen Job bekommen, der ihn ausfüllt und glücklich macht.

Finanziell geht es uns also gut. Wir kommen gut über die Runden, haben ein Eigenheim, können in den Urlaub fahren und das Leben soweit genießen. Wir arbeiten uns neben der Berufstätigkeit von unten nach oben, das neben den Kindern, ohne akademischen Rückhalt (Erfahrungen von Verwandten) und ohne Abitur. Wir können stolz auf uns sein. Mein Mann und ich führen eine gleichberechtigte Ehe. Wir haben ein gemeinsames Konto, wissen über die Einnahmen des anderen Bescheid, teilen alles und bringen beide in Sachen Finanzen und Haushalt das ein, was gerade möglich ist.

Soweit, so gut – oder?

Nein, es gibt Aspekte, die ich einfach unfair finde.
Früher habe ich mich immer darüber aufgeregt, wie schlecht ICH doch gestellt bin. ICH muss mich um die Kinder kümmern. ICH muss meinem Mann den Rücken freihalten. ICH muss zu Hause sein, wenn die Kinder mal krank sind. ICH kann ja nicht einfach machen, was ich will und mich verwirklichen. MIR werden die ganzen Steuern abgezogen und ICH bin finanziell die Gelackmeierte und kann nicht so viel zum Haushalteinkommen beitragen, wie ich möchte. Ich bin ja soooo schlecht gestellt. Ich armes, armes Mütterlein. Und irgendwann sagte mir mein Mann, dass er gerne mehr machen möchte, es aber nicht kann. Und da fiel es mir wie ein Schleier von den Augen und ich bekam ein ganz, ganz großes schlechtes Gewissen. Denn ihm geht es ja genauso wie mir, nur in gegengesetzter Richtung:

Ungerechtigkeit in der Arbeitsteilung

Ich möchte gerne meine Stunden erhöhen, da ich unheimlich gerne arbeite und mehr in die Rentenkasse einzahlen möchte. Es macht mir einfach große Freude und ist ein wichtiger Ausgleich für mich zum Familienleben. Es muss aber auch zur Familie passen. Vollzeit war und ist für mich derzeit nicht denkbar, da ich den Part der Kinderbetreuung übernommen habe und berufsbegleitend studiere. Ich habe zudem in meinem Job den Luxus, unter der Woche mehr Stunden arbeiten zu können und diese flexibel einzuteilen, um dann in den Ferien frei zu machen oder Termine passend um die Termine der Kinder herum zu legen. Somit ist die Kinderbetreuung sichergestellt. Mit meinem 20 Stunden die Woche ist das total gut zu machen. Eine Möglichkeit, die ich sehr schätze! Und da ich sowieso für die Kinderbetreuung sorgen muss, passt das wirklich gut und ist ein absoluter Glücksgriff.
Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass ein Vater das genauso gut kann und es egal ist, ob Papa oder Mama die Hauptbetreuung übernimmt. Hauptsache es ist jemand da, wenn die Kinder nach Hause kommen und sie jemanden haben, der sich liebevoll kümmert und Zeit nimmt.
Mein Mann hingegen würde seine Stunden gerne reduzieren. Aber eine Stundenreduzierung ist in seinem Bereich nicht möglich und Flexibilität ist schon mal gar nicht gegeben. Und wenn wir ehrlich sind, finanziell wäre das auch suboptimal. Wir hätten schon Einbußen. Man könnte jetzt auch sagen “Soll er sich doch was anderes suchen!”. Das ist aber nicht so leicht, da er einen sehr sicheren Arbeitsplatz (was heute nicht mehr die Regel darstellt) mit einer guten Bezahlung hat. Und leider hat er einen Beruf erlernt, für den es in unserer Region eigentlich keine Stellen gibt. Er ist quasi auf seinem Arbeitsplatz – drastisch ausgedrückt – die nächsten Jahre gefangen. Ja, das Sicherheitsbedürfnis ist groß bei uns.
Um das zu ändern, sitzt er fast jeden Samstag  neben seiner 40-Stunden-Woche im Schichtdienst in der FH und lernt fleissig. Ein enormes Pensum! Viel schöner wäre, wenn er weniger Stunden arbeiten und dafür in Vollzeit studieren könnte. Das würde auch die lange Studiendauer drastisch reduzieren. Wäre, würde, hätte… Fahrradkette. Is´einfach nicht. Punkt.

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Die Zeit ist gekommen! Oder?…

Da unsere Jüngste jetzt auch bald in die Schule kommt, mein Master in gut einem Jahr beendet ist und ein Arbeitskollege zu dieser Zeit dann auch in Rente geht, dachte ich mir freudestrahlend, dass ich doch meine Stunden Ende 2019/Anfang 2020 erhöhen kann! Juhu! Der Zeitpunkt ist gekommen! Endlich von bezahlten 20 Stunden auf 25 bis 30 Stunden  erhöhen. Effektiv würde ich dann weiter mehr Stunden unter der Woche arbeiten und die Ferien über freihaben. So wäre die Kinderbetreuung, die an mir auf Grund der o.g. Aspekte hängen bleibt, gesichert.
Da ich ja gerne plane, habe ich mir dann mal ausgerechnet, wie das finanziell aussehen würde. Und ich bin vom Glauben gefallen. Mir war vorher immer schon klar, dass mir einiges an Sozialabgaben von meinem Bruttogehalt abzogen wird. Ich sehe ja den Unterschied zwischen meinem Brutto- und meinem Nettogehalt. Das sich das bei einer Stundenerhöhung von fünf bis zehn Stunden aber finanziell so stark negativ auswirkt, habe ich nicht gedacht. Brutto hätte ich etwas mehr, netto bleibt mir monatlich aber gar nicht so viel mehr über. Die Steuerbelastung steigt stark in der Steuerklasse 5 an. Ein Lohnsteuerklassenwechsel kommt nicht in Frage. Das haben wir lang und breit ausgerechnet und uns beraten lassen. Wir wissen, dass die Steuerlast immer die Gleiche ist und die endgültige Abrechnung in der Steuererklärung kommt. Doch wenn wir mit diesen Gehältern in 4/4 gehen würden, dürften wir einmal im Jahr heftig nachzahlen. Es würde finanziell quasi nur Sinn machen, wenn beide Vollzeit arbeiten.
Zum Glück bin ich vorgewarnt: Ich habe schon mit einigen Familien gesprochen, die jährlich nachzahlen dürfen, obwohl sie zu den Normalverdienern gehören, aber eben eine Zweiverdienerehe führen. Ganz klassisch, Mann Vollzeit, Frau Teilzeit, ein bis vier Kinder. Manche meiner Freundinnen haben voller Freude ihre Stunden erhöht und vorher gar nicht ausgerechnet, was ihnen monatlich tatsächlich bleibt. Sie waren allesamt über ihr monatliches Nettoeinkommen frustriert und durften bei der Steuererklärung einiges an Geld nachzahlen, obwohl sie monatlich netto nur marginal mehr an Geld zur Verfügung hatten. Hinzu kommt, dass mit steigendem Bruttogehalt auch die Betreuungskosten steigen. Oftmals stehen sie finanziell nach einer Stundenerhöhung schlechter dar als vorher und haben zudem mehr Aufwand und einen größeren Spagat zu bewältigen, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Das tut weh.
Während eine Stundenerhöhung bei mir, wie bei vielen anderen Familien auch, also nicht mehr an der Kinderbetreuung scheitert, scheitert diese jetzt am Ehegattensplitting. Wenn ich so hohe Abzüge habe, dass wir Netto nur minimal mehr in der Tasche haben, bleibe ich lieber bei meinen Stunden und nutze die Zeit anderweitig (Weiterbildungen, mein Ehrenamt ausbauen). Natürlich würde ich durch das erhöhte Bruttoeinkommen etwas mehr in die Rentenkasse einzahlen. Aber es würde auch ein größerer Spagat und Aufwand zwischen Berufstätigkeit und Kinderbetreuung eintreten, den ich unter diesen Umständen nicht eingehen werde. Die Relation steht in keinem Verhältnis. Lieber lasse ich es weiter so entspannt laufen, wie bisher. Davon hat die gesamte Familie mehr. Aber es ärgert mich massiv!
Oder aber ich mache nebenher einen 450-Euro-Job. Der ist brutto wie netto und kann dann angelegt werden. Das ist doch so bescheuert und in Sachen Solidarität auch nicht so toll.

Das Ehegattensplitting ist alt und bedarf dringend einer Veränderung

Zuerst möchte ich euch diesen wunderbaren Artikel von Juramama zum Thema Ehegattensplitting zum Einlesen empfehlen: Ehegattensplitting – Leider nicht vermisst. Dieser Artikel beschreibt genau das, was mich so stört und zur schieren Verzweiflung bringt. Das Ehegattensplitting ist schön und gut für die Verheirateten. Wenn Kinder hinzukommen, ändert es nicht wirklich viel. Wie ich eben oben schon schrieb: Arbeiten Eltern mehr, steigen sowohl die Sozialversicherungsabgaben, Steuern, Betreuungskosten als auch der Betreuungsaufwand und der Spagat, alles unter einen Hut zu bekommen. Belohnt werden mit dem Ehegattensplitting Familien, in denen ein Elternteil arbeitet und der Andere zu Hause bleibt und die Kinder betreut. Es mag zur damaligen Zeit, in der das Gesetz erlassen wurde, gepasst haben, aber es passt nicht mehr in die heutige Zeit. Familien wie wir (von denen es mittlerweile so viele andere gibt), werden dabei gar nicht berücksichtigt und ziehen den Kürzeren.

Es bleibt noch ein weiterer Punkt paradox: Es gibt ein Recht auf Kitaplätze ab einem Jahr, damit Mütter/Väter mehr arbeiten bzw. überhaupt die Möglichkeit haben, zu arbeiten. Sie sollen in das Sozialsystem einzahlen, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken und die Rentenkassen zu füllen. Alles verständlich und gut. Ich begrüße diese Veränderung sehr. Aber trotz dieser Veränderung bleibt das Steuersystem auf dem Stand der 1950er Jahre. Und die meisten Müttern schlendern schnurstracks in die Teilzeitfalle.

Aber die Rente, die liebe Reeeeente….

Wie gesagt, finanziell geht es uns gut. Mein Mann wird später eine gute Rente haben und gemeinsam mit meiner, können wir uns einen schönen Lebensabend machen. Toll, oder?
Naja, solange wir zusammenbleiben und nichts passiert, ist alles tutti.

Aber was ist, wenn wir uns mal trennen sollten? Natürlich, ich gehe nicht davon aus, das dieser Fall eintritt. Ich rechne fest damit, dass wir unseren Lebensabend gemeinsam erleben und wir noch viele tolle gemeinsame Jahre haben. Aber ich habe auch schon eine gescheiterte Ehe hinter mir. Nichts ist also unmöglich. Wir wissen nicht, was uns im Leben noch erwartet. Es können auch noch ganz andere Schicksalsschläge eintreten. Was ist dann? Ich muss dann von meiner mickrigen kleinen Rente leben. Durch Elternzeiten und Teilzeitbeschäftigungen wegen Kinderbetreuung wird sie eben nicht so hoch sein, ich habe viel weniger Rentenpunkte eingebracht. Und das macht mir Sorge.
Ein klitzekleiner Grund für mein Studium war eben auch, dass ich in einem Beruf tätig sein möchte, in dem ich für mich und die Kinder selber sorgen kann. Das habe ich erreicht. Yeah! Wenn also etwas passieren sollte, könnte ich auf eigenen Beinen stehen. Das ist mir unglaublich wichtig. Aber dennoch würde es später mit der Rente durch meine stetige Teilzeitbeschäftigung echt knapp werden. Zwar sorge ich schon mit Riester vor, aber ob das ausreicht? Das bezweifle ist stark.

Ich frage mich also, wann die Bundesregierung endlich anfängt, das Steuersystem zu reformieren und nicht die Ehe, sondern die Kinder in den Mittelpunkt der finanziellen Entlastung zu stellen? Das Ehegattensplitting zermentiert das Modell „ein Hauptverdiener und ein Teilzeitverdiener“ und wirkt zwei Vollzeitbeschäftigungen entgegen. Das Gesetz aus den 1950er Jahren bedarf einer dringenden Überarbeitung. Schau dir mal diese Doku an: Frauen in der Rentenfalle. Dabei wird dir Angst und Bange.

Wie sagt Juramama noch so schön?

“Meine fruchtbaren Freundinnen und ich sind weitere vier Jahre politisch vermisst. Wir können also auch in den nächsten vier Jahren eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass uns weder die Ehe und erst Recht nicht die eigenen Kinder vor einer Altersarmut bewahren können, sondern nur ein reiner Erwerbstätigen-Lifestyle. Eine moderne Frau 2018, die den Fehler im System geschnallt, und zudem erkannt hat, dass sie ihn auch nicht mit Wahlen ändern kann, macht es wie der kinderlose Onkel 1958 und geht das „Risiko Kind“ nicht (mehr) ein. Da steckt der junge Mann mit Kinderwunsch den Verlobungsring wieder weg, denn man rief schon seiner alleinerziehenden Mutter im Jahre 1985 von den Bergen der Hybris zu: „Hätt’ste halt vorher mal nachgedacht, Mädel.“

Nun, das tut heute ihre Tochter und bleibt lieber kinderlos zu Gunsten von Berufstätigkeit. Das ist eine ganz blöde Sache.”

Wie sieht es denn bei dir aus? Machst du dir Gedanken um deine finanzielle Zukunft? Wir freuen uns über deinen Kommentar!

Ganz lieben Gruß,
Jani <3

Ein paar Tage nachdem ich diesen Beitrag veröffentlichte, stoß ich auf die Blogparade von Laura (Heute ist Musik) und Sophie (Kinder haben) zum Thema #MamasUndMoneten. Da mein Blogeintrag gut dazu passt, nehme ich gerne an der Blogparade teil. Schaut euch mal ihre Artikel zum Thema an, die sind super!

Du darfst den Beitrag gerne teilen. Du machst uns damit eine große Freude :-).